
Der “Hinterhof der Hauptstadt“, wie SpOn Neukölln nennt, ist kein einzigartiges Phänomen in Deutschland. Vielmehr bilden sich überall im Lande weitere Neuköllns und wabern in die umliegenden Gebiete. Eltern, die möchten, dass ihre Kinder in der Schule etwas lernen, verlassen diese Bereiche, die, staatlich gefördert durch generationsübergreifende Hartz IV-Empfänger, immer mehr verslumen.
Jugendgewalt, soziale Verelendung, Bildungsnotstand: Längst ist Neukölln zum Synonym geworden für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft. (…) Bossins Mission (Anm.: Gerichtsvollzieher) ist fast aussichtslos. Der 42-jährige Beamte soll Geld eintreiben in einem Viertel, in dem jeder Zweite von Sozialleistungen lebt. “Hier sind die Leute teilweise jenseits von Gut und Böse”, sagt Bossin. “Die sitzen den ganzen Tag vorm Fernseher, gucken Gameshows und leben von Hartz IV.” (…) Mehr als 150.000 Menschen leben hier in dichtgedrängten Gründerzeit-Bauten. Die Straßen säumen Billig-Discounter, Handy-Läden und Imbissbuden. Es ist der Hinterhof der Hauptstadt: 50 Prozent Migrantenanteil, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 35 Prozent. (…) Auch Gerichtsvollzieher Frank Bossin hat zehn Jahre in Neukölln gewohnt. Dann packte er die Koffer, seines Sohnes wegen: “Ich wollte nicht, dass mein Kind in Neukölln zur Schule gehen muss.”
Man ahnt warum, wenn man die Karl-Weise-Grundschule besucht. Draußen patrouillieren private Wachschützer, drinnen steht Lisa Fey in einem kleinen Klassenzimmer. Violetter Pulli, lange schwarze Haare, Ring im rechten Nasenflügel. Eine engagierte Pädagogin, die gerade einer Förderklasse Lese- und Rechtschreibunterricht erteilt: ein Deutscher, sechs Migrantenkinder. Selbst einfachste Dinge müssen die Drittklässler noch üben. “Wir haben hier Kinder, die nicht wissen, wie man einen Stift richtig hält”, sagt Fey.
Vor Kurzem wurde die gesamte dritte Jahrgangsstufe einer Schreibprobe unterzogen. Das Ergebnis war verheerend. Nahezu die Hälfte aller Schüler hat gravierende Probleme mit der deutschen Sprache. Sollen die Kinder “Fernseher” schreiben, kommt nicht selten “frensia” heraus. “Sie schreiben wie sie sprechen”, sagt die Lehrerin. “Viele Eltern haben selbst so große Defizite, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu fördern.”
Von den Neuköllner Migrantenkindern verlassen drei Viertel die Schule ohne Abschluss oder mit Hauptschulzeugnis. Eine Jugend ohne Perspektiven, die abzurutschen droht. Nirgendwo in Berlin ist die Jugendkriminalität ein größeres Problem: 162 Intensivtäter führt die Polizei in Neukölln in den Akten. Die Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht.